Erlebtes aufarbeiten: Grundsätze des situationsorientierten Ansatzes

Armin Krenz selbst weist darauf hin, dass der situationsorientierte Ansatz eher eine grundsätzliche Haltung ist als ein pädagogisches Konzept. Die Wertschätzung der Kinder und ihrer eigenen Identität sowie die Erlebnisse jedes einzelnen Tages stehen im Fokus. Der Ansatz verbindet dabei Grundannahmen aus drei verschiedenen Fachrichtungen:

  • Nach den Erkenntnissen der Bildungsforschung können emotionale und soziale Kompetenzen bei Kindern nicht „extern“ gebildet werden – die einzig nachhaltige Form der Bildung geschieht aus dem Kind selbst heraus. Armin Krenz leitet daraus ab, dass man Kindern in erster Linie Sicherheit und Lebensfreude vermitteln sollte, um ihnen einen Impuls zu geben, ihr Leben selbst zu entwickeln.

  • Eine der Grundannahmen der Bindungsforschung ist es, dass Kinder vor allem enge soziale Beziehungen brauchen, um Selbstbewusstsein, Wahrnehmungsoffenheit und andere soziale Kompetenzen zu entwickeln. Erzieher im Kindergarten sollten daher laut Krenz nicht Lehrer und Erzieher sein, sondern vor allem Bezugspersonen, die Sicherheit vermitteln.

  • Die Hirnforschung, so Krenz, geht zudem davon aus, dass emotionale Zufriedenheit grundlegend für die Selbstbildung ist. Daher sollte das Ziel der Kita-Arbeit in erster Linie sein, den Kindern Lebensfreude zu vermitteln, damit sie sich offen und bereitwillig mit neuen Erfahrungen auseinandersetzen und Erlebtes verarbeiten können.

Eindrücke und Ausdrücke

Erzieher, die dem situationsorientierten Ansatz folgen, sind angehalten, die Kinder aufmerksam zu beobachten. Nach Krenz drücken Kinder über die ihnen gegebenen Ausdrucksformen aus, was sie im Alltag beschäftigt, sodass die Erzieher dort mit der Aufarbeitung ansetzen können. Diese Ausdrucksformen sind:

  • Verhalten

  • Spiel

  • Bewegung

  • Sprache

  • Träume

  • Malen

Die Beobachtung bzw. Deutung der Ausdrucksweisen erfordert eine enge Zusammenarbeit von Erziehern und Eltern, daher gilt diese als Voraussetzung für den situationsorientierten Ansatz.

Situationsansatz vs. situationsorientierter Ansatz

Parallelen beider Konzepte: In seinen Grundzügen ist der situationsorientierte Ansatz mit dem weit verbreiteten Situationsansatz vergleichbar. Beide Konzepte wollen Kinder dabei unterstützen, ihre individuelle Umwelt zu verstehen, mit ihr zu interagieren und diese verantwortungsvoll mitzugestalten.

Grundlegende Unterschiede beider Konzepte: Der Situationsansatz basiert auf Gruppenarbeit – alle Kinder werden gemeinsam projektbezogen mit Themen konfrontiert, die sie wahrscheinlich im Alltag so erleben werden. Der situationsorientierte Ansatz ist wesentlich individueller ausgerichtet: Die Erzieher greifen die persönlichen Erlebnisse der Kinder auf und unterstützen sie dabei, diese vollständig zu verarbeiten.

Situationsansatz: Der Situationsansatz, der seit den 1970er-Jahren als pädagogisches Konzept in vielen Kitas umgesetzt wird, ist didaktisch ausgerichtet. Hier geht es vor allem darum, die Kinder auf ihre Zukunft vorzubereiten, indem bestimmte Situationen durchgespielt werden, bevor sie erlebt wurden. So sollen Kinder mit Alltagsthemen, aber auch mit „großen“ Themen wie Tod oder Trennung vertraut gemacht werden.

Situationsorientierter Ansatz: Beim situationsorientierten Ansatz geht es vorrangig darum, dass die Kinder ihre eigenen Erfahrungen vollständig verarbeiten und auf diese Weise ihre soziale und emotionale Kompetenz entwickeln. In der Kita-Arbeit werden die Kinder also nicht auf bestimmte Situationen vorbereitet, stattdessen werden bereits erlebte Situationen besprochen, um die Kinder seelisch zu festigen.

Bildnachweise

Kind mit Fingerfarben - © Julaszka - stock.adobe.com

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