Den optimalen Erziehungsstil gibt es nicht – oder doch?
Es könnte so einfach sein: Ein allgemeingültiger Erziehungsstil, der für jeden umsetzbar ist und euer Kind optimal auf seine Zukunft vorbereitet. Doch ein Geheimrezept für die universelle Erziehungsmethode gibt es leider nicht. Warum eigentlich nicht?
Eigenschaften des Kindes: Ein liebevolles Verhältnis ist das A und O in der Erziehung eures Nachwuchses. Je nach Entwicklungsstand und Persönlichkeit eures Kindes stellt ihr vielleicht fest, dass sich die ursprüngliche Herangehensweise als weniger sinnvoll erweist. Keine Sorge, das ist ganz normal. Schließlich möchtet ihr euer Kind darin unterstützen, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Manche Kinder können sich am besten entfalten, wenn sie ihre Freiheit genießen können, andere sind unsicher und brauchen die Unterstützung ihrer Eltern. Im Laufe der Zeit findet ihr heraus, welcher Umgang am besten funktioniert.
Individuelle Präferenzen: Jedes Elternpaar und sogar jeder Elternteil bestimmt für sich selbst, worauf es besonderen Wert legt. Für den einen ist es wichtig, dass sein Kind von Anfang an alles selbst ausprobieren darf und ihm dabei alle Zeit der Welt gelassen wird, für andere ist es wichtig, dass sein Kind auch Regeln und Strukturen kennenlernt. Oftmals rühren diese Grundsätze aus den eigenen positiven oder negativen Erfahrungen her. Daher sind Erziehungsstile eine sehr individuelle Angelegenheit.
Äußere Bedingungen: Es ist noch gar nicht lange her, da galt der autoritäre Erziehungsstil als das Nonplusultra. Inzwischen hat sich die Kindererziehung stark gewandelt. Mit einem Blick auf die vergangenen Jahrzehnte ist erkennbar, dass sich Erziehungsstile weiterentwickeln und abhängig vom Zeitgeist sind. Doch ganz egal, welcher Erziehungsstil gerade im Trend liegt – euer Kind sollte lernen, dass sein Handeln Folgen hat. Gleichzeitig ist es wichtig, dass ihr euer Kind fördert, es in der Entwicklung seiner Persönlichkeit unterstützt und ihm angemessenen Freiraum schenkt.
Werte & Normen: Deshalb sind Erziehungsstile wichtig
Auch in Familien, die sich nicht explizit mit dem Thema Erziehungsstile auseinandersetzen, entwickelt sich im Laufe der Zeit üblicherweise eine Tendenz, die bei der Kindererziehung verfolgt wird. Es ist vollkommen in Ordnung, sich nicht an ein vorgegebenes Konzept zu halten, denn mit eurem Bauchgefühl liegt ihr in den meisten Fällen genau richtig. Doch spätestens dann, wenn euer Sprössling in die Kita oder in die Schule kommt, steht ihr vor der Wahl: Viele Einrichtungen sind nach bestimmten Erziehungskonzepten ausgerichtet. Diese Konzepte machen sich verschiedene Erziehungsstile zunutze. Das gemeinsame Ziel liegt darin, Kindern gesellschaftliche Normen und Werte zu vermitteln und sie so auf ihren Lebensweg vorzubereiten. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Art und Weise, wie diese vermittelt werden. Bei euch Eltern liegt die Entscheidung, welchen Erziehungsstil ihr bevorzugt.
So findet ihr den passenden Erziehungsstil
Sobald ihr euch über die verschiedenen pädagogischen Konzepte informiert, stellt ihr schnell fest, dass euch der eine Erziehungsstil mehr zusagt als ein anderer. Eventuell gefallen euch mehrere Ansätze gleich gut – das ist vollkommen in Ordnung. Kombiniert dann am besten die verschiedene Aspekte der einzelnen Ansätze, um den für euch richtigen Erziehungsstil zu definieren. Folgende Tipps helfen bei eurer Entscheidung:
Überlegt euch, welches Ziel ihr mit eurer Erziehung verfolgt: Meist lässt sich durch das Ziel der Erziehung bereits eine Tendenz festlegen, welcher Erziehungsstil am besten passt. Liegt es euch beispielsweise besonders am Herzen, dass euer Kind sehr selbstständig aufwächst, kommt vielleicht ein liberal-demokratischer Erziehungsstil infrage.
Versteift euch nicht darauf, einen bestimmten Erziehungsstil zu adaptieren. Traut euch zu, verschiedene Ansätze zu kombinieren, um so euren ganz individuellen Erziehungsstil für euch und euer Kind zu finden.
Vertraut eurem Bauchgefühl: In manchen Situationen kann es passieren, dass ihr euren eigenen Grundsätzen widersprecht. Auch die egalitärsten Eltern finden sich in Situationen wieder, in denen sie ihren Kindern Vorgaben machen. Das ist überhaupt nicht schlimm – erklärt eurem Kind, warum ihr in dieser bestimmten Situation so handelt.
Gesteht euch ein, dass weder euer Kind noch ihr perfekt seid und es auch nicht sein müsst. Fehler sind erlaubt und sogar wichtig! Viel entscheidender ist es, offen mit Fehlern umzugehen und diese zugeben zu können – und daraus zu lernen.
Verschiedene Erziehungsstile im Überblick
Erziehungsstile werden seit vielen Jahren von Sozialpsychologen erforscht. Es gibt unzählige Methoden, Stile und Konzepte, die sich teilweise sehr stark voneinander unterscheiden oder auch ähnlich zueinander sind. Kurt Lewin, Diana Baumrind sowie Anne-Marie und Reinhard Tausch sind bekannte Namen in der Erziehungsforschung. Auf ihren Studien zur Verhaltensweisen zwischen Eltern und Kindern basieren die meisten Erziehungsstile. Wir stellen euch die vier bekanntesten vor:
Der antiautoritäre Erziehungsstil
Mit einer antiautoritären Erziehung gebt ihr eurem Kind sehr viel Freiraum. Es darf alles selbst entscheiden mit dem Ziel, sich absolut frei entfalten zu können und möglichst kreativ zu sein. Bei diesem Erziehungsstil gebt ihr Vorschläge, aber legt keine festen Regeln und Grenzen fest. Ihr Eltern vertraut darauf, dass euer Sprössling selbst lernt, was gut für ihn ist und was nicht – Bestrafungen als Konsequenz für Fehlverhalten sind beim antiautoritären Erziehungsstil nicht vorgesehen.
Teil dieser Art der Kindererziehung ist „Laissez-faire“, was aus dem Französischen übersetzt „machen lassen“ heißt. Auch hier gibt es keine Regeln für das Kind, es muss in der Entscheidungsfindung selbst aktiv werden. Dieser Erziehungsstil ist durch eine gewisse Gleichgültigkeit der Eltern gekennzeichnet und hat verwöhnende oder vernachlässigende Eigenschaften.
Der autoritäre Erziehungsstil
Der autoritäre Erziehungsstil ist, wie der Name schon verrät, das genaue Gegenteil der antiautoritären Erziehung. Bis in die 1960er Jahre war dieses Modell vorherrschend: Es setzt stark auf Bestrafung, Verbote und Belohnung und gilt als streng. Mittlerweile ist der Erziehungsstil umstritten, denn die strikte Hierarchie zwischen Erzieherin bzw. Erzieher (also Eltern) und Kind hat oft eine fehlende Nähe und wenig Zuneigung zueinander zur Folge – die emotionale Beziehung ist negativ beeinflusst. Wichtig ist: Ein autoritärer Erziehungsstil ist deutlich extremer als eine strenge Erziehung. Nur weil ihr eurem Kind Regeln vorgebt, erzieht ihr nicht gleich autoritär.
Der demokratische Erziehungsstil
Eines der wichtigsten Merkmale in einer Demokratie: Gleichberechtigung. Das zeichnet auch den demokratischen Erziehungsstil aus. Hier wird darauf geachtet, dass Eltern und Kinder auf Augenhöhe kommunizieren und gemeinsam Entscheidungen treffen. Ziel ist es, selbstständiges Denken und reflektiertes Handeln beizubringen. Strenge Regeln und Bevormundung sind hier fehl am Platz, stattdessen geben Eltern Hilfestellungen und Rückhalt. Die Regeln und Vorschriften, die es gibt, sollen transparent gestaltet sein und somit für euren Nachwuchs nachvollziehbar sein. Statt Bestrafungen äußert ihr Kritik konstruktiv und wertschätzend. Euer Verhältnis ist offen – Akzeptanz, Zuneigung und Wärme stehen an vorderster Stelle.
Der autoritative Erziehungsstil
Die autoritative Erziehung sieht ebenso wie der demokratische Erziehungsstil Regeln und Grenzen in Verbindung mit viel Liebe und Zuneigung vor. Diese Kombination gilt als goldener Mittelweg, weshalb viele Expertinnen und Experten die autoritative Erziehung als erfolgreichstes Modell betrachten. Dabei unterstützt ihr euer Kind in allen Belangen auf fürsorgliche, wertschätzende Weise. Regeln sind klar definiert und auch begründet – bei Verstößen gibt es Konsequenzen wie eine Bestrafung. Wichtig ist, dass die Bestrafung verhältnismäßig ist und im Voraus besprochen wurde. Autoritativ erzogene Kinder erhalten viel Liebe und Unterstützung. Als Eltern kommuniziert ihr offen eure Erwartungen und berücksichtigt gleichzeitig die Wünsche eures Kindes.
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Bildnachweise:
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